Kaffee um fünf, Motoren um neun: 24 Stunden auf der Fanmeile in Spielberg
Photo: Hullian111, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
5:13 Uhr: Die A9 ruft
Es ist noch stockdunkel, als ich den Motor starte. Der Wecker klingelte um halb vier, der Campingstuhl liegt schon seit gestern Abend im Kofferraum. Wer beim Rennwochenende in Spielberg einen der begehrten Stellplätze auf dem Fan-Camping ergattern will, der kommt früh – sehr früh. Und wer glaubt, um fünf Uhr morgens sei die A9 Richtung Pyhrn Autobahn leer, der hat noch nie an einem Rennsonntag hier geparkt.
Bei Selzthal dümpeln wir im ersten Mini-Stau des Tages. Neben mir ein Kennzeichen aus Vorarlberg, hinten Holländer mit Fahnen am Fenster. Alle mit demselben Ziel: das Steirische Biergerichtland.
6:45 Uhr: Frühstück mit Bratengeräusch
Der Campingplatz am Ring weckt Erinnerungen an die gute alte Zeltlagerzeit. Grillgeruch um diese Uhrzeit? Klar, irgendwo brät immer wer Eier. Am Nachbartisch sitzt eine Familie aus Graz, dritte Generation Spielberg-Gänger. „Der Opa war 1997 schon beim ersten Rennen nach dem Umbau da“, erzählt Vater Markus stolz, während er die Mitnehmkaffeekanne füllt.
Sein Tipp für alle Erstbesucher: „Nicht nur auf die Tribüne starren. Geht rauf auf die Hügel, dort gibt’s die besten Perspektiven – und das beste Publikum.“
Die versteckten Spots der Stammgäste
Nach ein paar Stunden und unzähligen Gesprächen habe ich eine Liste zusammen, die kein Reiseführer bieten kann:
- Der Hügel hinter Kurve 1: kostenlos, steil, aber die Sicht auf das Bremsmanöver der Feldes ist unschlagbar.
- Die Wiese an der Rindt-Kurve: hier riecht man die Reifen, wenn jemand zu spät bremst.
- Die Brücke über die Start-Ziel-Gerade: zur Einführungsrunde ein Magnet für Fotofans.
- Der Bereich nahe der Schikane: wer Überholmanöver liebt, sitzt hier richtig.
„Kommst du um zehn, bist du zu spät“, warnt ein Stammgast aus Linz. „Um acht, da is noch Platz.“
9:20 Uhr: Der erste Sound
Dann ist es so weit. Das Brüllen der Motoren beim Ausfahren aus der Boxengasse lässt jedes Gespräch verstummen. Selbst der Hund zwei Zelte weiter bellt mit. Am Red Bull Ring hört man die Autos ehrlich – dank der Höhenlage und der kurzen Wege um die Strecke ist der Sound überall anders, überall intensiv.
In Kurve 1 erlebe ich meinen persönlichen Magenmoment des Tages: das Feld donnert den Berg hinauf, alle drängen nach innen, niemand gibt den Platz her. Gänsehaut. Jedes Mal.
Mittags: Bratwurst, Fanmeile, merchandise
Die Fanmeile zwischen den Boxen und dem Fahrerlager ist ein Fest für die Sinne. Bratwurmkulanz, Bier vom Fass, Simulatoren, in denen Kids versuchen, die Kurve 3 so zu nehmen wie die Profis. Bei den Fahrerautogrammstunden Schlange stehen gehört zum Ritual wie das Rennen selbst.
15:30 Uhr: Zielgerade und Gänsehaut Teil zwei
Beim Rennen selbst wird klar, warum man sich den ganzen Tag hier abmüht: Der Ring ist kompakt. Man sieht fast alles, verfolgt das Duell um Platz fünf auf dem Bildschirm und hört es gleichzeitig live in der Kurve 4. Als das Feld zum letzten Mal über die Ziellinie jagt und die österreichische Hymne durch die Steiermark schallt, ist die Müdigkeit von 3:30 Uhr morgens vergessen.
Der Abstieg
Der Rückstau nach dem Rennen ist legendär und gehört zum Erlebnis wie die Siegerehrung. Wir bleiben einfach sitzen, lassen den Verkehr ziehen und plaudern mit den Grazern über die besten Rennen der letzten Jahre.
Fazit nach 24 Stunden Spielberg: Es geht nicht nur ums Rennen. Es geht um den Kaffee um fünf, den Grillgeruch um sechs, den ersten Motorsound um neun. Wer das einmal erlebt hat, kommt wieder. Garantiert.